Das übersehene Kind.
Narzissmus entsteht in den ersten Lebensjahren, in dem, was zwischen einem Kind und den Menschen geschieht, von denen es vollständig abhängt.
Am Anfang steht ein Mensch, der noch nichts allein kann. Ein Neugeborenes hat keine Worte, keine Erklärungen, keine Möglichkeit zu gehen. Es hat seinen Blick, seine Stimme, seinen kleinen Körper. Und Bezugspersonen, die darauf antworten.
Diese Antwort ist alles.
Was in dieser Zeit zählt, sind: Tonfall, Mimik, Gestik und die Art, wie ein Kind angeblickt, berührt und gehalten wird. Daran erkennt es, ob es willkommen ist (Maaz).
Der Psychoanalytiker Heinz Kohut hat dafür ein Bild gefunden: der Glanz im Auge der Mutter. Ein Kind sieht sich zuerst in den Augen derer, die es großziehen. Was dort ankommt, wird zu seinem Bild von sich selbst.
Das Kind lacht, jemand lacht zurück. Es weint, jemand kommt. Es zeigt Wut, jemand hält sie aus. Aus tausenden solcher Momente entsteht ein Satz, den ein Kind noch nicht denken kann und trotzdem in sich trägt: Ich zähle.
Die Säuglingsforschung hat gezeigt, dass in der Bindung erhebliche Störungen entstehen, wenn diese bestätigende Zuwendung ausbleibt.
Und dann gibt es die Umkehrung, der Kern der Sache.
Eltern, die selbst unsicher sind, können ihr Kind schwer spiegeln. Sie suchen die Spiegelung beim Kind. Sie erhoffen sich eine Aufwertung durch das Kind und durch die eigene Elternrolle. Das Kind wird zu einem Teil von ihnen, statt ein eigener Mensch zu sein (Maaz).
Das klingt in Sätzen, die viele kennen:
Was für ein braves Kind ich habe.
Du machst mich so stolz.
Nach allem, was ich für dich getan habe.
Von da an gilt eine Bedingung. Zuwendung fließt, wenn das Kind so ist, wie die Erwachsenen es brauchen. Und weil das Kind dafür Bestätigung bekommt, merkt es die Anpassung selbst nicht mehr. Der Blick wandert von innen nach außen. Nicht mehr das eigene Empfinden gibt die Richtung vor, sondern die Wirkung auf andere (Maaz).
Alice Miller hat beschrieben, mit welcher Kraft ein Kind das tut. Es setzt vom ersten Tag an alle seine Möglichkeiten ein, wie eine kleine Pflanze, die sich nach der Sonne dreht.
Und genau das ist die Tragik. Diese Kinder sind besonders wach, besonders feinfühlig, besonders begabt darin, andere zu lesen. Sie tun das Einzige, was ihnen sichert, dazuzugehören.
Zur Einordnung: Diese Modelle stammen aus der Psychoanalyse und aus klinischer Beobachtung. Sie sind Theoriepositionen, keine empirisch geprüften Ursachenketten.
Was daraus im Erwachsenenalter wird, zeigt sich später an einer Stelle, an der es kaum jemand vermutet. In Gesprächen, in denen jemand außergewöhnlich gut spürt, was das Gegenüber hören möchte.