Wann Narzissmus eine Persönlichkeitsstörung ist.
Narzisst ist zum Schimpfwort geworden. Das verstellt jedoch den Blick auf das, was tatsächlich dahinter liegt.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist ein tief verwurzeltes, starres Muster im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen. Also kein Charakterzug oder schwierige Phase im Leben. Es zeigt sich bereits in der Kindheit/frühen Erwachsenenalter, zieht sich durch alle Lebensbereiche und führt zu erheblichen Beeinträchtigungen.
Klinische Diagnose
Für die klinische Diagnostik sind zwei Klassifikationssysteme relevant. Das DSM-5-TR, aus der amerikanischen Psychiatrie. Und die ICD-11, International Statistical Classification of Diseases, das System der Weltgesundheitsorganisation, nach dem in Deutschland dokumentiert wird.
Woran wird die narzisstische Persönlichkeitsstörung festgemacht?
Das DSM-5 nennt neun Kriterien. Mindestens fünf davon müssen erfüllt sein.
Überhöhtes Gefühl der eigenen Wichtigkeit.
Fantasien von grenzenlosem Erfolg und Macht.
Der Glaube, besonders und einzigartig zu sein.
Starkes Bedürfnis nach Bewunderung.
Ausgeprägtes Anspruchsdenken.
Ausnutzen anderer für eigene Ziele.
Mangel an Empathie.
Neid oder die Überzeugung, andere seien neidisch.
Arrogantes Verhalten.
Die ICD-11 geht einen anderen Weg. Sie führt die narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht mehr als eigene Diagnose. Bestimmt wird zuerst, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt und wie schwer sie ist. Erst danach wird das Muster beschrieben.
Klinische Diagnosefragen gehörten auf keinen Fall in die betriebliche Zusammenarbeit. Für den Arbeitskontext sind nur konkrete Verhaltensweisen und Kompetenzen relevant.
Warum wird diese Diagnose so selten gestellt?
Wer diese Struktur hat, erlebt sich selbst als völlig in Ordnung. Das Problem sind aus dieser Sicht die anderen. Es gibt also keinen Anlass, einen Arzt aufzusuchen.
Erkannt wird die Störung deshalb eher beiläufig durch eine Begleiterkrankung (Komorbididät). Jemand kommt wegen einer Depression, einer Angststörung oder einer Sucht in Behandlung.
Die Zahlen
Eine systematische Übersicht über Bevölkerungsstudien kommt auf 1%. Die Einzelbefunde reichen von 0 bis 6,2% (Dhawan et al. 2010). Die oft zitierten 6,2% stammen aus einer amerikanischen Erhebung über die gesamte Lebenszeit (Stinson et al. 2008).
Die Zahlen schwanken stark, je nachdem wer befragt wurde und mit welcher Methode. Sicher ist nur: Gezählt wird, wer in Behandlung kommt. Alle anderen tauchen in keiner Statistik auf. Die Dunkelziffer ist deshalb groß.
Zwischen einem gesundem Selbstwert und einer diagnostizierten Störung liegt ein weites Feld, das in Unternehmen deutliche Auswirkungen haben kann.