Das überhöhte Kind.
Es gibt weitere Wege, die zu narzisstischen Ausprägungen führen können.
➡️ Die erste ist die Ü𝗯𝗲𝗿𝗵ö𝗵𝘂𝗻𝗴: Das Kind ist besonders. Begabter als andere, klüger, weiter. Es hört das früh und ständig von den Bezugspersonen.
Was dabei verloren geht, ist der Blick auf das Kind selbst. Auf ein ganz normales Kind mit Stärken, Schwächen und schlechten Tagen. Gesehen wird die Version, die den Eltern gefällt.
Also trägt das Kind diese Version weiter und wird zu dem Bild, das man von ihm hat.
Heinz Kohut hat das grandiose Selbst beschrieben. Bei ihm gehört es erstmal zur normalen Entwicklung jedes Kindes. Schwierig wird es, wenn daneben kein realistisches Selbstgefühl wächst und die Größe zur einzigen Stütze wird.
➡️ Die zweite Spielart ist die Ü𝗯𝗲𝗿𝗯𝗲𝗵ü𝘁𝘂𝗻𝗴.
Das Kind bekommt eine schlechte Note. Die Eltern rufen in der Schule an. Der Lehrer hat falsch bewertet. Das Kind stolpert. Jemand fängt es auf, bevor es fällt.
Gut gemeint, aber ein Kind braucht Widerstand, um zu erfahren, dass es ihn übersteht. Es braucht eigene Fehler und Grenzen, um zu spüren, wo es aufhört und andere anfangen.
Wem das erspart bleibt, dem fehlt später das Vertrauen, aus eigener Kraft durch schwieriges Gelände zu kommen. Und die Fähigkeit, Verantwortung bei sich zu suchen.
Für die Überhöhung gibt es eine wichtige Längsschnittstudie: Eddie Brummelman und sein Team begleiteten 565 Kinder und ihre Eltern über 8,5 Jahre. Kinder, denen die Eltern vermittelten, sie seien außergewöhnlich und anderen überlegen, zeigten im Verlauf stärkere narzisstische Merkmale. Elterliche Wärme sagte dagegen einen höheren Selbstwert voraus. D.h. keinen Narzissmus (Brummelman et al. 2015).
Verschiedene Kindheiten. Übersehen werden und überhöht werden. Und beide können zu einem Selbstwert führen, der auf Bestätigung von außen angewiesen bleibt.
Auch hier entsteht eine Maske. Sie zeigt Stärke, Sicherheit, Souveränität. Und verdeckt, wie dünn die Schicht darunter ist.
Im Auswahlgespräch wirkt genau das überzeugend.
Da sitzt jemand, präsent, klar, entscheidungsfreudig. Er spricht über Erfolge, ohne zu zögern. Er wirkt 100% wie jemand, der eine Abteilung durch schweres Wetter bringt. Und genau deshalb bekommt er die Stelle. Alle sind begeistert und sich vor allen Dingen entscheidungssicher. Das erlebe ich immer wieder an der HR-Front.
Doch weder Auftreten noch Sympathie dürfen hier bewertet werden. Es ist vielmehr die Frage, wem jemand z.B. seine Erfolge zuschreibt, wie er über Vorgänger spricht und was passiert, wenn etwas hinterfragt wird.