Ein Blindflug im Nebel unter dem Radar: Die wahren Gründe hinter beruflichen Blockaden

„Können Sie auch meiner Tochter helfen? Sie hat so überhaupt keine Idee zu ihrer beruflichen Ausrichtung.“

„Puh“, innerlich atme ich tief durch. Ein Tanz auf rohen Eiern, wenn die Anfrage durch einen langjährigen Auftraggeber kommt. Gefühlt darf da nichts schiefgehen. Die eigenen Kinder sind immer eine „Operation am offenen Herzen“. Und das Thema Berufs- und Studienorientierung schon lange nicht mehr mein Schwerpunkt. Dennoch mache ich mich auf den Weg – 600 Kilometer im Auto liegen vor und ein langes Telefonat mit der Tochter hinter mir.

Wir sitzen im Wohnzimmer und trinken Kaffee: die Eltern, die Tochter und ich. Celine, 17 Jahre, ist eloquent und eine Spitzenschülerin – in drei Monaten macht sie ihr Abitur. Die meterhohe Fensterfront im Wohnzimmer gibt den Blick auf das Anwesen frei. Hohe Tannen, es ist ein bisschen wie bei Hänsel und Gretel, nur das Hexenhäuschen fehlt noch für die perfekte Kulisse.

Rauschen im Hintergrund

Die vielen Informationen, die ich auf verschiedenen Ebenen aufnehme, nenne ich meinen „Newsfeed“ – und der tickert bereits:
Hier besteht eine ganz schön enge Bindung zwischen Eltern und Celine.
Die Eltern hat sie aber ordentlich im Griff.

Wir beginnen zu arbeiten – im auf dem Gelände liegenden Gästehaus. Knistern liegt in der Luft, ich spüre Celines hohe Anspruchshaltung, mit der sie wohl generell dem Leben begegnet, doch sie lässt sich auf den Prozess ein. Sie ist schnell im Denken und Reflektieren, wir kommen zügig voran.

Celines Erfolge, Stärken, Ambitionen, unbewusste Leitbilder, Motivatoren, Werte, gelebte Prinzipien, Interessen, Vorbilder, Zukunftsperspektiven usw. werden sichtbar. Wir tragen viele Karrieremosaiksteinchen zusammen, aus denen sich der rote Faden ableiten lässt.

Mein Newsfeed wird weiter gefüttert:
Keine Teilnahme an Klassenfahrten, auch nicht an der Abi-Abschlussfahrt.
Mit ihren KlassenkameradInnen kann sie offensichtlich nichts anfangen.
Urlaub macht sie ausschließlich mit den Eltern – vorzugsweise in schicken Hotels.
Für das Abi-Abschlussballkleid wird das Hunderte Kilometer entfernte München angesteuert.
Nahe Verbindungen bestehen irgendwie nicht, ein fester Freund scheint unvorstellbar.

Full stop!

Je mehr Informationen wir sammeln, desto klarer zeichnen sich berufliche Optionen ab. Wir sind im Flow. Doch was passiert da plötzlich? Sobald Celine sich in eine bestimmte von ihr selbst erarbeitete Studienrichtung bewegt, weicht sie aus. Zunächst kaum wahrnehmbar, dann immer klarer: „Ja, das wollte ich schon immer studieren, superspannend!“ Beginnt aber sogleich zurückzurudern: „Aber nein, das kommt für mich nicht infrage“, und führt unterschiedlichste Gründe an: weil … dieses und jenes ... und überhaupt ...  weil so und so ... Und irgendwann sagt sie kaum hörbar: „Weil dabei Menschen sterben können.“

Ich versuche sie erneut heranzuführen. Full stop! Und wieder full stop! Sie verhält sich wie ein Pferd, das vor einem unsichtbaren Hindernis scheut. Hier kommen wir nicht weiter. Menschen dürfen auf keinen Fall sterben – warum? Ich kann das Thema mit Celine weder rational noch emotional und auch nicht auf der Metaebene bearbeiten. Sie steckt im Ja-und-Nein-Dilemma fest und weicht aus.

Und was machen wir jetzt?

Wie leicht wäre es an dieser Stelle gewesen, einfach darüber hinwegzugehen und sich einer zweiten oder dritten berufliche Option zu widmen. Die Nuancen des veränderten Verhaltens wären für viele wahrscheinlich noch nicht einmal erkennbar gewesen – Celines Auftritt ist Oscar-reif. In ihrer selbstbewussten, redegewandten Art wirkt sie sehr überzeugend und kann nahezu alles „verkaufen“. Doch ich spürte, dass etwas nicht stimmte – ein Blindflug im Nebel unter dem Radar. Es war mir unmöglich, gegen meine basale Intuition zu arbeiten.

Ich breche ab

„Wie bitte?“, Celine starrt mich an. „Ja, ich breche ab. Celine, irgendetwas passt hier nicht zusammen. Meine Sorge ist, wenn wir einfach weiterarbeiten, kommen wir beruflich irgendwo bei etwas heraus, was nicht wirklich deines ist.“ Sie ist irritiert und bittet mich, den Prozess auch den Eltern offenzulegen. Wir tauschen uns aus. Keiner hat eine Erklärung. Ratlosigkeit auf allen Ebenen. Und so packe ich mein Arbeitsmaterial zusammen und mache mich, ohne Ergebnis, nachdenklich und aufgewühlt, ob ich denn richtig gehandelt habe, auf den langen Heimweg.

Lebenszeichen

Nach einer Woche ruft mich der Vater an und teilt mir mit, dass es Celine nicht gut gehe. Der Prozessabbruch habe ihr ordentlich zugesetzt. Unbehagen klettert in mir hoch. Ich setze noch mal an, ob es nicht irgendwelche Erklärungen für das vermeidende Verhalten gibt. „Nein, wir haben keine.“ Aufgrund von Celines Zustand vereinbaren wir, in Kontakt zu bleiben.

Zwei Wochen später ruft mich der Vater abermals an. Er teilt mir mit, dass es Celine noch schlechter geht: „Frau Gärtner, ich habe mich noch mal lange mit meiner Frau unterhalten. Wir wissen nicht, ob es etwas damit zu tun hat. Unsere Tochter hatte mit zehn Jahren einen furchtbaren Unfall vor unserem Haus. Sie ist vor unseren Augen von einem Auto ungebremst überfahren worden. Die Folge waren Trümmerbrüche, sie lag im Koma und verbrachte ein Dreivierteljahr im Krankenhaus. Sie musste vieles von vorne lernen. Und wissen Sie, Frau Gärtner, wir sind uns nicht im Klaren, ob das etwas damit zu tun hat, aber Celine bestand vor einigen Wochen ihren Führerschein, nun sitzt sie jedoch zitternd mit schweißnassen Händen am Lenkrad und schafft es nicht, das Auto zu bewegen.“

Ich sitze mit aufgerissenen Augen am Schreibtisch meines Büros, den Telefonhörer ans Ohr gepresst, und denke: „Gott sei Dank, wir haben es“ und gleichzeitig „Sch..., Celine rutscht doch jetzt nicht durch den Abistress und unseren Prozessabbruch in eine Retraumatisierung“ (Wiederkehren des traumatischen Erlebnisses vor dem inneren Auge).

Notbremse – alle Mann an Bord

Wie ist in solchen Situationen vorzugehen, wenn belastende Ereignisse, wie beispielsweise ein Abitur, anstehen? Stabilisation auf allen Ebenen! Auf keinen Fall darf psychisch in die Tiefe gegangen und aufgearbeitet werden. Die Gefahren eines Flashbacks oder instabilen Zusammenbruchs sind zu groß. Jetzt braucht es liebevolle Fürsorge, Unterstützung, Hilfe und Konzentration auf das, was ansteht – falls das noch möglich ist. Erst danach darf an den dahinterliegenden Themen gearbeitet werden.

Abitur mit der Mutter

Der Rest ist schnell erzählt. Ich begleitete die Familie aus der Entfernung. Ein Ärzte- und Psychologenteam vor Ort unterstützte die Phase während des Abiturs intensiv. Celine brach noch mal heftig ein. Die Mutter musste während der gesamten Prüfungen im Schulgebäude präsent sein. Celine schaffte ihr Abi trotzdem mit Bravour.

Ein mühsamer Weg

Im Anschluss machte sie eine Traumatherapie – auch die Eltern ließen sich psychologisch begleiten. Das Unfall-Erlebnis hatten Mutter und Tochter in eine symbiotische Beziehung verstrickt, in der kein Platz für Freunde, Klassenfahrten oder eine feste Beziehung war. Die Tendenz zur Verwöhnung wurzelte aus dem traumatisierenden Erlebnis – waren die Eltern danach doch besonders fürsorglich und behütend. Sehr langsam wandte sich alles zum Guten. Celine begann sich etappenweise zu lösen und die Eltern auch.

Happy End

Celine entschied sich für die Studienrichtung, die für sie zuvor nicht infrage gekommen war, und blühte auf. Heute lebt sie weit entfernt von den Eltern in einer eigenen Wohnung, hat viele Freunde und einen langjährigen festen Partner. Auch die Eltern haben wieder Luft für Zweisamkeit. In den Urlaub fährt Celine heute allein und ihr Studium ist abgeschlossen – sie arbeitet als Kinderärztin.

 

Exkurs: Trauma und posttraumatische Belastungsstörungen

Traumatisierende Ereignisse können beispielsweise Naturkatastrophen, Kriege, Unfälle oder gewalttätige Angriffe auf die eigene Person sein, mit drohenden ernsthaften Verletzungen oder Todesängsten. Es ist aber auch möglich, dass man sich beispielsweise einer Operation unterzieht und diese von dem Körper als traumatisch empfunden wird.

Diese Ereignisse können in einem Menschen extremen Stress auslösen und Gefühle der Hilflosigkeit oder des Entsetzens erzeugen. Die hierdurch hervorgerufene Angst- und Stressspannung klingt bei der Mehrzahl der Betroffenen von allein wieder ab.

In besonderen Fällen jedoch, wenn diese erhöhte Stressspannung über längere Zeit bestehen bleibt und es keine Möglichkeit gibt, die Erlebnisse adäquat zu verarbeiten, kann sich langfristig eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln (PTBS) und es zur Ausbildung von teils intensiven psychischen Symptomen kommen:

Wiedererleben: Flashbacks und Albträume lassen das Trauma vor dem inneren Auge immer wiederkehren, die Erinnerungen drängen sich förmlich auf. Auf der körperlichen Ebene können sich Atemnot, Zittern, Schwindel, Herzrasen und Schweißausbrüche zeigen.

Vermeidungsverhalten: Allem, was sie an das Trauma erinnern könnte, gehen Betroffene aus dem Weg. Dazu kommt Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegenüber sowie emotionale Abstumpfung. Teilweise werden wichtige Aspekte des das Trauma auslösenden Erlebnisses verdrängt und vergessen sowie Gefühle abgespaltet.

Vegetative Übererregtheit: Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit und Konzentrationsstörungen zeigen, dass sich der Trauma-Patient innerlich ständig auf der Flucht befindet.

Exkurs: Was ist bei der Berufs- und Studienorientierung für junge Menschen besonders zu beachten?

Die eigenen Interessen geben Aufschluss über künftige Branchen sowie Tätigkeitsfelder und sind in einer beruflichen Orientierungsphase ein wichtiger Bestandteil. Bei jungen Menschen sind diese meist rudimentär ausgebildet. Denn während der Schulzeit bleibt oft wenig Zeit für Privates. Lustigerweise sind die Interessen deshalb in einem bestimmten Alter alle gleich. Gerne werden dann weitere Testverfahren hinzugezogen, um zusätzliche Interessensfelder zu generieren, die meist keinen Mehrwert bieten. Warum ist das so? Ganz einfach: Es fehlt den jungen Menschen schlichtweg an Erfahrungen – sie haben sich bisher zu wenig im Leben ausprobieren können.

Deshalb ist es im Prozess wichtig, vorhandene Impulse zu sammeln: Was würde die Person gerne einmal machen? Wo gehen Energien hin? Welche Ideen gibt es? Gibt es Menschen, die bewundert werden? Aus all diesen Informationen lassen sich künftige Aktivitäten ableiten. Es spielt natürlich auch eine Rolle, wie liberal oder rigide das Elternhaus in der Kindheit Einfluss genommen hat und ob ungünstige Einschärfungen eine autonome Berufsausrichtung beeinflussen.