Psychoterror am Arbeitsplatz: Spiele erkennen und aussteigen

Der Konflikt hat sich in die maximale Eskalationsstufe hinaufgeschraubt. Die Fronten verhärten, Wut erfüllt den Raum – Lösung impossible! Die Parteien sind im Kampf ineinander verkeilt und ergehen sich in Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Verteidigungen. Das eigentliche Gesprächsziel gerät dabei völlig aus den Augen.

Manipulation der Superlative: Aber unbewusst!

Carolin R. ist Leiterin eines erfolgreichen Verkaufsteams. Der Geschäftsführer schätzt sie, und bei ihren Kollegen und Kolleginnen ist sie sehr beliebt. Alle wissen: In Notfällen können sie sich auf Carolin R. verlassen. Sie arbeitet weit über das normale Maß hinaus und sprüht förmlich vor Engagement und Umsetzungswillen.

Die Arbeitsbelastung und der Stress sind ihr zwar eigentlich zu viel. Andererseits freut sie sich immer wieder über die Anerkennung von allen Seiten, die sie manchen Ärger schnell vergessen lässt. Und so geht die engagierte Mitarbeiterin täglich über ihre Grenzen hinaus, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Doch irgendwann stellen sich bei Carolin R. starke Rückenbeschwerden ein. Der Arzt rät ihr kürzerzutreten, da sonst ernsthafte gesundheitliche Gefahren drohen. Sie kommuniziert diese Information im Büro weiter. Zunächst sind die Kollegen betroffen und haben ein schlechtes Gewissen. Doch dann dreht sich der Wind; zunehmend reagieren die Kollegen mit Ärger und Wut, da Carolin R. aus ihrer Sicht immer öfter „die Kranke“ spielt.

Carolin R. gerät steigend in die Opferrolle. Die Rückenbeschwerden, aber auch andere Gründe führen mehr und mehr zu Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen. Die einstige „Retterin“ beklagt sich bei ihrem Umfeld, dass sie so viel erdulden und erleiden müsse, was die Kollegen als permanentes Jammern empfinden. Die Schuld an der eigenen Überlastung und Unzufriedenheit schiebt Carolin R. nun anderen in die Schuhe und nimmt damit unbewusst die Rolle des Verfolgers ein. Aus der Kränkung heraus beschimpft und verurteilt sie nun ihre vermeintlichen Peiniger und versucht, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Das wiederum löst verständlicherweise bei den Adressaten Ärger und Wut aus. Da Carolin R. auf Widerstände und völliges Unverständnis stößt, sucht sie sich nun im Büro Verbündete. Die Konsequenz: Rollenwechsel, kreuz und quer. Konkret: Kommt Carolin R. als hilfsbereite Retterin nicht weiter, wechselt sie zum hilflosen Opfer. Erreicht sie auch hier ihr Ziel nicht, nimmt sie in den Part des vorwurfsvollen Verfolgers ein. Das Drama-Dreieck ist perfekt. Die sich ausbreitende Eskalation im gesamten Team auch.

Unternehmen und Mitarbeiter: Beide sind hilflos

Spiele im Drama-Dreieck (nach Stephen Karpman) sind Abläufe, bei denen eine verbale oder nonverbale Handlung mit einem verdeckten Motiv stattfindet. Diese Handlung führt dazu, dass sich jeder Beteiligte anschließend verwirrt und missverstanden fühlt und den anderen dafür tadeln möchte.

Spiele gehören zu jenen Mitteln, die Kinder einsetzen, um von den Eltern und der Welt das zu bekommen, was sie unbewusst vermissen: Aufmerksamkeit, Anerkennung, bedingungslose Liebe. Ohne Reflexion greifen diese alten Spielmuster noch im Erwachsenenleben, obwohl in dieser Zeit fortgeschrittener Reife deutlich effektivere Möglichkeiten zur Verfügung stünden.

Alle Spiele teilen das Bedürfnis nach „Gesehen-Werden“ und „Bestätigung“ und sind von einer darunterliegenden Angst gesteuert. Der Angst nämlich, das alte vernichtende Gefühl aus der Kindheit wieder fühlen zu müssen. Die jeweiligen Rollenwechsel in den Spielen entsprechen den (fehlgeleiteten) Versuchen, diese Angst zu kontrollieren.

Alle drei nachfolgenden Rollen im Drama-Dreieck bedingen sich einander und können sich gegenseitig aufschaukeln. Eine bessere oder schlechtere Rolle gibt es nicht:

Verfolger

Als Verfolger (Verbesserer) bezeichnet man jemanden, der anderen zusetzt, sie meist herunterputzt oder herabsetzt. Andere stecken voller Unzulänglichkeiten und können dem Verfolger nicht das Wasser reichen.

Retter

Auch der Retter (Ratgeber) betrachtet die anderen als etwas unter ihm stehend. Der Retter reagiert darauf, indem er aus seiner überlegenen Position heraus Hilfe anbietet. Er glaubt: „All diesen armen Leuten muss ich doch helfen, weil sie selbst dazu nicht in der Lage sind.“

Opfer

Für jemanden, der sich als Opfer und damit als „Objekt“ eines für ihn übermächtigen Geschehens erlebt, gibt es ebenfalls jemanden, der unterlegen ist. Nämlich ihn selbst. Manchmal sucht sich das Opfer einen Verfolger, der ihm zusetzt und es beutelt. Oder aber das Opfer ist auf der Suche nach einem Retter, der ihm Hilfe anbietet und damit die Überzeugung des Opfers bestätigt: „Ich komme allein nicht zurecht.“

Jede Rolle im Drama-Dreieck bringt Abwertungen mit sich. Der Verfolger wertet den Wert und die Würde anderer Menschen ab. Der Retter wertet die Fähigkeit der anderen, selbst zu denken und aus eigener Initiative heraus tätig zu werden, ab. Das Opfer wertet sich selbst ab.

Spiele beginnen mit Spieleinladungen – den Ködern. Beißt der eingeladene Spielpartner an, wird mehr oder weniger heftig gespielt. Der Spieler fühlt sich anschließend schlecht, da das darunterliegende, alte Bedürfnis aus der Kindheit nicht wirklich genährt wurde. Bei jedem erfolglosem Spiel wird sinnbildlich die Wassertonne mit einem weiteren Tropfen gefüllt.

Darauf folgt ein intensiveres Spiel, das mit einem noch schlechteren Gefühl quittiert wird. Der darunterliegende Hunger nach „Anerkennung und Liebe“ steigert sich weiter. Es ist ein bisschen so, als würde der Spieler Papier essen. Es nährt ihn nicht und macht auch nicht satt. Das leere Gefühl bleibt. Die Wassertonne füllt sich weiter, bis sie irgendwann überläuft. Das nennen wir in der Transaktionsanalyse dann „den Zahltag“. Diese oft destruktiven Muster zeigen sich sowohl im Beruf als auch im Privatleben gleichzeitig.

Intensität von Spielen: Es geht noch schlimmer

Spiele können in unterschiedlichen Graden gespielt werden, abhängig von der Größe des „Hungers“ und der „Bedürftigkeit“. Spiele im 3. Grad können durchaus auch vor Gericht oder gar im Kranken- oder Leichenhaus enden, sofern kein rechtzeitiger Spielausstieg gefunden wird.

Wie Sie als Unternehmen aus Spielen aussteigen

Sie benötigen zunächst Klarheit darüber, ob Sie überhaupt in ein Spiel involviert sind. Ist kein sachliches Gespräch möglich? Laufen konstruktive Lösungsvorschläge permanent ins Leere? Fühlt es sich an, als hätten Sie ein Stück Seife in der Hand, das Ihnen immer wieder aufs Neue entgleitet? Jedes Spiel kann durchbrochen werden, wenn Sie sich darüber bewusst werden:

  • Lehnen Sie die Spieleinladung ab.
  • Bleiben Sie bei sich.
  • Kommunizieren Sie authentisch und sprechen Sie über Ihre Wahrnehmung sowie Gefühle.
  • Ändern Sie Ihr Verhalten, indem Sie sich nicht auf Vorwürfe oder Jammern einlassen.
  • Gelangen Sie auf die Metakommunikations-Ebene und machen Sie verbal das sich abzeichnende Spiel sichtbar.
  • Kommunizieren Sie sachlich und haben Sie das Gesprächsziel im Auge.

Das Durchbrechen von Spielen bedeutet nicht zwangsläufig ein „Happy End“. Ihr Gegenüber trägt maßgeblich zu einem erfolgreichen Ausgang bei. Ohne Wille keine Lösung. Manchmal ist der dahinterliegende „Hunger“ zu groß und es braucht andere Strategien. Zumindest haben Sie die Steuerung Ihrer Kommunikation wieder in der Hand – und das fühlt sich sehr gut an.

Der eigenen Spielformel auf Spur

Wir spielen häufiger, als wir denken, und haben doch eigentlich nur die besten Absichten. Die Bewusstheit des eigenen Spielablaufes ist der erste Schritt in wirkliche Autonomie: Dazu gehören die wache Bewusstheit, Spontanität und die Fähigkeit zur Intimität (echtem Kontakt). Auf diese Weise gewinnen wir die Fähigkeit, bei der Lösung der Probleme alle Möglichkeiten einzubringen, die wir als Erwachsene haben.

Sind Sie mit jemandem im Gespräch gewesen, bei dem Sie sich anschließend beide schlecht gefühlt haben? Waren Sie überrascht über die ungünstige Wendung, die die Sache genommen hatte – und sich doch gleichzeitig darüber im Klaren, dass Ihnen fast die gleichen Geschichten vorher auch schon passiert sind?

Wenn Sie eine solche Interaktion erlebt haben, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie ein Spiel gespielt haben – ein Psychospiel nach zuvor festgelegten Regeln:

  • Was ist es, was mir immer wieder passiert?
  • Wie fängt das an?
  • Was passiert dann?
  • Wie lautet meine geheime Botschaft an den anderen?
  • Und dann?
  • Wie lautet die geheime Botschaft meines Gegenübers an mich?
  • Wie geht es aus?
  • Wie fühle ich mich?
  • Wie muss sich, meiner Vorstellung nach, mein Gegenüber fühlen?

 

Stecken Sie selbst immer wieder in aufreibenden Spielsituationen fest? In Ihrem Unternehmen finden Spiele statt?

Wir helfen Ihnen! Direkt und unkompliziert - auch in akuten Situationen. Kontaktieren Sie uns!

  

Literatur

Stephen Karpman: Fairy tales and script drama analysis. In: Transactional Analysis Bulletin 
Eric Berne: Spiele der Erwachsenen
Ian Stewart, Vann Joines: Die Transaktionsanalyse
DGTA: Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse