Waterworld auf dem Arbeitsmarkt

Vom zunehmenden Handlungsdruck, die eigene berufliche Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen

Wenn der alte, hohl klingende Öltanker aus dem Film Waterworld ächzend über die endlose Wasseroberfläche treibt, fühle ich mich an manch großes Unternehmen im heutigen Zeitgeschehen erinnert: Einst gefeiert als glanzvoller Luxusfrachter mit großer Besatzung, ist davon heute nicht mehr viel zu sehen. Der Kampf ums Überleben auf den dynamischen Weltmeeren wird sichtbar. In schnellem Tempo rasen wendige Motorjachten vorbei, und breite Luxuskreuzfahrtschiffe mit bestens gestimmten Passagieren bahnen sich ihren Weg, kennen keine Hindernisse. Selbst gebaute Segeljachten jagen mit höchst erfolgreichen, supersportlichen Teams durch die Strömung, und Archen versuchen per „Kumbaya my Lord“ den Bug über Wasser zu halten. Die Besatzungen an Bord sind unterschiedlicher denn je.

Noch nie ging es auf dem Arbeitsmarkt verrückter zu!

Da gibt es die jungen Einsteiger, die den Freizeitausgleich suchen und mit einer 4-Tage-Woche ins Berufsleben starten. Die hochgradig Anspruchsvollen, die mit allem und jedem unzufrieden sind und um die sich die Welt drehen soll. Die unter 30-Jährigen, die mit ihrem Know-how gefragter sind denn je und Gehälter auf dem Niveau des oberen Managements der DAX-Unternehmen einstreichen. Dann gibt es die Fachkräfte, die händeringend gesucht werden, und Unternehmen, die ordentlich in das Employer-Branding investieren, um auf dem lärmenden Arbeitsmarkt Durchschlagskraft zu erzielen. Gleichzeitig werden die Arbeitnehmer 50+ von heute auf morgen über Bord geworfen, nicht selten ohne Ankündigung – zack und weg von der Bildfläche. Und die Verbliebenen arbeiten sich in die Depression, besser bekannt als „Burn-out“ – getrieben von der Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, denn den Arbeitgebern ist es zunehmend erschwert möglich, genügend qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt zu generieren, oder sie wollen oder können aus anderen Gründen keine Nachbesetzungen vornehmen.

Sicher ist: Es gibt keine Sicherheit mehr!

Was passiert, wenn ich zur Besatzung eines großen Tankers gehöre und im Schiffsinneren meine letzten 20 Jahre erfolgreich im Management verbracht habe? Angesehen und maßgeblich zum Unternehmenserfolg beitragend? Doch weil ich im Innenraum des Tankers mit meiner Mannschaft in den letzten Jahren so beschäftigt war, habe ich nicht richtig mitbekommen, was sich in der Kommandozentrale auf Deck und auf den Weltmeeren so getan hat. Den Kontakt zu anderen Tankern konnte ich aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nicht halten. Ich habe den 360-Grad-Blick in meinem Berufsfeld sowie mein Netzwerk schmerzlich vernachlässigt, mich nicht orientiert und zu wenig von dem dazugelernt, was heute erforderlich ist. Und dann kommt der Tag X. Ich trage zu wenig zur Wertschöpfung bei oder kann mich der geforderten Agilität nicht anpassen, werde huckepack genommen und in kurzem Prozess über Bord geworfen. Zu lange hat mein Unternehmen mit Scheuklappen am bisher erfolgreichen Weg geklebt, wird nun von den Ereignissen überrannt und kann kaum mehr mithalten.   

Herr K. steht in meiner Praxis. Er war die letzten 25 Jahre in einem solchen Tanker erfolgreiche Führungskraft und muss sich beruflich neu orientieren. Sein Problem: Er findet kaum Jobs. Und die, die halbwegs infrage kommen, sind deutlich schlechter bezahlt. Herr K. ist verzweifelt. Er steht vor mir und trägt sinnbildlich seine Schreibmaschine unter dem Arm. Stolz erklärt er, wie gut er sie bedienen kann. Viele Kollegen beherrschten das heute gar nicht mehr, schiebt er noch nach, und dass denen je etwas Wertvolles entginge. Erdrückende Momente in der Arbeitspraxis. Hier braucht es Aufklärung und Annäherung an die heutige Realität. Das, was über Jahre verpasst wurde, ist nicht von heute auf morgen aufzuholen. Manchmal sogar überhaupt nicht mehr. Der Herbst im Berufsleben wird eingeläutet.

Übrigens ist Herrn R. in meiner Arbeitspraxis das Gleiche passiert. Er hat sich jedoch im Unterschied zu Herrn K. in den letzten Jahren stets selbst weiterentwickelt, ist auf dem neuesten Stand der Technik sowie EDV-affin, folgt dem globalen Wandel und hat damit nicht nur unmittelbar Anschluss an den Arbeitsmarkt gefunden, sondern auch die nächste Stufe in die Geschäftsleitung realisieren können.

Das Alter spielt keine Rolle; die Generation Y trifft es genauso. Vanessa C., 32 Jahre, sitzt im Vorstellungsgespräch. Seit sechs Jahren steckt sie in einem unfruchtbaren Arbeitsumfeld fest und hat sich kaum entwickelt. Eine Antwort auf die Frage, warum sie denn den Job nicht früher gewechselt habe, um ihre Situation zu verbessern, bleibt sie schuldig. Ebenso auf diejenige nach privatem Engagement zur eigenen Entwicklung. Das warʼs! Wer es heute nicht vermag, sich selbst zu managen, der schafft es auch im Unternehmen nicht, dem globalen Wandel erfolgreich zu begegnen. Ende des Vorstellungsgespräches.

Die eigene berufliche Entwicklung ist in die Hand zu nehmen!

„Stärken einsetzen“, „die eigenen Werte kennen“, „Sinnhaftigkeit im Job erleben“, „ungenutzte Ressourcen aktivieren“, „beruflich in den Flow kommen“ – das sind heute keine Fremdwörter mehr und bilden die Grundlage, den Leuchtturm, für die eigene berufliche Entwicklung. Das Wissen dazu wird auf allen Kanälen zur Verfügung gestellt, Fachliteratur gibt es zuhauf. Und wenn ich an Wendepunkten angelangt bin, an denen ich nicht so richtig weiterkomme, nehme ich mir für ein paar Stunden einen gut ausgebildeten und erfahrenen Coach, der mir beim Sortieren hilft und Blockaden löst. Um anschließend gut aufgestellt neu durchzustarten.

Es ist heute fast schon eine Verpflichtung, sich kontinuierlich, entsprechend den Anforderungen, aktiv zu entwickeln. Wir wissen nicht, was übermorgen sein wird, und unsere Ziele müssen flexibel an den globalen, digitalen Wandel angepasst werden. Wir entscheiden heute selbst, an welchen Tankstellen wir welchen Treibstoff anzapfen. Eine hochwertiges Personalentwicklungsangebot eines Unternehmens kann selbstverständlich eine wunderbare Entwicklungsquelle sein. Den einen maßgebenden und unumstößlichen Masterplan gibt es jedoch nicht mehr. Deshalb ist es in der langfristigen Perspektive von zentraler Bedeutung, die Fäden selbst in der Hand zu behalten.

  1. Persönliches Profil reflektieren
    Was sind meine Stärken und meine leitenden Werte? Welche Rollen passen zu mir? In welchen Bereichen möchte ich mich ausprobieren und dazulernen? Was interessiert mich wirklich? Welche Visionen wirken bewusst und unbewusst? An welchen Stellen blockiere ich mich selbst und verhindere dadurch mein Leistungspotenzial?

  2. Veränderungen und Trends beobachten
    Wie verändert sich derzeit mein Berufsfeld, meine Branche? Wie wird sich das Arbeitsgebiet in den nächsten 5 bis 10 Jahren entwickeln? Welche Trends zeichnen sich ab? In welchen Bereichen bin ich nicht auf dem aktuellen Stand? Was ist sinnvoll nachzurüsten? Wie entwickelt sich in meiner Branche der Kapitalstock?

  3. Neue Technologien nutzen
    Wie sorge ich dafür, dass mich Informationen über neue Technologien in meinem Berufsfeld erreichen? Wann nehme ich mir Zeit, diese auszuprobieren und anzuwenden?

  4. Berufliches Netzwerk ausbauen   
    Wie erhalte ich Einblicke in mein Berufsfeld auch außerhalb meines Arbeitgebers? Wie ergeht es meinen Kollegen in anderen Unternehmen? Welche Best-Practice-Beispiele kann ich für mich übernehmen?

  5. Fruchtbare Arbeitsumgebungen suchen  
    Agiere ich in meiner vollen Kraft? Welche Unterstützer und Förderer habe ich? Was brauche ich, um zur Höchstform auflaufen zu können? Wie hoch ist meine Lern- und Entwicklungskurve?

  6. Marktwert testen
    Was bin ich in anderen Unternehmen wert? Inwieweit trage ich zur Wertschöpfung bei? Bewerben!